Strategie kommunizieren, damit sie ankommt
„Welche neue Strategie?“ ist die häufigste Antwort in Unternehmen, die ihre Strategie vor einem halben Jahr vorgestellt haben. Woran das liegt und was dagegen hilft.
Von Christian Underwood ·

Warum ändern sich hier die Spielregeln?
Weil ihr den Kreis verlasst, den ihr steuern konntet. In der Entwicklungsphase bestimmt ihr den Ablauf für eine überschaubare Zahl von Personen. Ab jetzt sprecht ihr zu Menschen, die nicht dabei waren.
Für sie bedeutet eine neue Strategie zuerst einmal Veränderung. Und die Aussicht auf Veränderung weckt die Sorge, aussortiert zu werden oder auf der Strecke zu bleiben. Das ist kein Widerstand gegen den Inhalt, es ist eine Reaktion auf Ungewissheit.
Deshalb reicht Information nicht. Es braucht Überzeugungsarbeit und die beginnt damit, dass ihr die Sorge ernst nehmt, statt sie mit Begeisterung zu überdecken.
Der Zeitpunkt ist dabei so wichtig wie der Inhalt. Wer wartet, bis alles fertig ist, lässt monatelang Raum für Vermutungen. Wer zu früh spricht, erzeugt Unruhe ohne Antwort. Der brauchbare Mittelweg: Früh sagen, dass gearbeitet wird, und erst dann Inhalte, wenn die Handlungsfelder stehen.
Drei Dinge helfen euch dabei, wenn ihr den Prozess sauber gefahren habt. Über die Interviews sind wichtige Personen schon mit dem Vorhaben vertraut. Über die laufende Kommunikation weiß die Mannschaft, dass etwas entsteht. Und das Strategiebild gibt euch eine Form, in der sich alles zusammen erzählen lässt.
Wie verdichtet ihr das Gesamtbild?
Der erste der sieben Schritte. Prüft, ob sich Inhalte ausdünnen lassen, damit der Kern der Strategie schneller greifbar wird.
Das fällt schwer, weil jeder Satz im Workshop erkämpft wurde. Für die Vermittlung zählt trotzdem etwas anderes: Was bleibt hängen, wenn jemand das Bild dreißig Sekunden sieht?
Eine visuelle Anpassung an eure Unternehmensfarben, euer Logo oder ein starkes Bildmotiv hilft. Den grundsätzlichen Aufbau solltet ihr dabei beibehalten, denn er trägt die Argumentationskette von der Lage über die Herausforderung bis zum Ziel.
Genau diese Kette ist der Grund, warum ein Strategiebild besser funktioniert als eine Präsentation. Eine Folienfolge zeigt nacheinander. Ein Bild zeigt den Zusammenhang, und der Zusammenhang ist das, woran sich Menschen erinnern.
Wen informiert ihr wann?
Nicht alle gleichzeitig und nicht alle gleich. Legt fest, wer in eurer Organisation und im Umfeld wann, wie und worüber ins Bild gesetzt wird.
Gruppe | Merkmal | Umgang |
|---|---|---|
Schlüsselgruppen | großes Interesse und großer Einfluss | früh einbinden und laufend auf dem Stand halten |
Interessierte ohne Einfluss | großes Interesse, geringer Einfluss | regelmäßig informieren |
Einflussreiche ohne Interesse | großer Einfluss, geringes Interesse | gezielt auf dem Laufenden halten |
Übrige | geringes Interesse und geringer Einfluss | über die allgemeinen Kanäle mitnehmen |
Die dritte Zeile ist die, die am häufigsten vergessen wird. Ein Beirat, eine Hausbank oder ein großer Kunde interessiert sich nicht für eure Strategiearbeit und kann sie trotzdem an einer entscheidenden Stelle aufhalten.
Zur Reihenfolge gehört auch eine Regel, die selten schriftlich steht: Niemand sollte von der Strategie aus den Medien erfahren, bevor er sie intern gehört hat. Das gilt für Führungskräfte genauso wie für den Betriebsrat.
Welche Botschaften und welche Formate?
Bestimmt je Zielgruppe, welche Kernbotschaften Bedeutung haben. Was einen Investor überzeugt, ist selten das, was eine Schichtleitung interessiert, und umgekehrt.
Die Botschaften unterscheiden sich dabei in der Auswahl und nicht im Inhalt. Zwei Versionen derselben Strategie zu erzählen ist der sicherste Weg, Vertrauen zu verlieren, sobald sich jemand austauscht.
Für die Formate gilt dasselbe Denken. Beirats- oder Aufsichtsratssitzung, Investorengespräch, Bankentermin, Betriebsversammlung, Führungskräftetagung, Teamrunde: Jedes Format hat eine andere Länge, ein anderes Tempo und eine andere erlaubte Tiefe.
Plant für jedes Format eine Gelegenheit zum Widerspruch ein. Eine Veranstaltung ohne Fragerunde erzeugt Zustimmung im Raum und Gerüchte auf dem Flur.
Welche Medien nutzt ihr?
Was da ist: Intranet, Mitarbeiterzeitung, Newsletter, Videos. Und falls davon wenig existiert, ist das der richtige Zeitpunkt, eine saubere Medienlandschaft aufzubauen.
Achtet auf Wiederholung statt auf Reichweite. Eine Botschaft, die dreimal über verschiedene Kanäle kommt, wirkt stärker als eine einmalige große Veranstaltung und sie kostet deutlich weniger.
Ergänzend kommen klassische und soziale Medien in Frage, wenn ihr die Strategie auch nach außen tragen wollt. Das ist eine eigene Entscheidung: Nicht jede Strategie gehört veröffentlicht, und eine, die Wettbewerbern den Weg weist, gehört es sicher nicht.
Verteilt das Strategiebild an alle Mitarbeitenden und hängt es an zentralen Orten auf. Was ständig sichtbar ist, verschwindet nicht so leicht in der Schublade. Das klingt banal und ist einer der wirksamsten Schritte auf dieser Liste.
Der Zweck ist dabei immer derselbe: Nutzt dasselbe Bild in allen Formaten als visuellen Anker. Wer in jeder Veranstaltung eine andere Darstellung sieht, muss jedes Mal neu verstehen, worum es geht.
Wozu dient eine zentrale Plattform?
Sie macht sichtbar, wie es vorangeht. Darauf liegen die Strategieinhalte, die Prozessschritte und der Stand der Umsetzung im Vergleich zum Plan.
Der Nutzen liegt in der Transparenz über die Abarbeitung und den Fortschritt. Solange nur die Geschäftsführung weiß, was läuft, bleibt die Strategie für alle anderen eine Ankündigung.
Nützlich ist eine einfache Ampel je Initiative, ergänzt um einen Satz, warum sie steht, wie sie steht. Die Farbe allein erzeugt Rückfragen, der Satz beantwortet sie vorweg und spart der Prozessverantwortung jede Woche mehrere Gespräche.
Die Plattform muss nichts Aufwendiges sein. Entscheidend ist, dass es genau eine gibt und dass sie gepflegt wird. Zwei halb aktuelle Übersichten sind schlechter als eine einfache, die stimmt.
Plant außerdem die zweite und dritte Runde mit ein. Eine Strategie kommt nicht über die Auftaktveranstaltung in die Organisation, sondern über die Wiederholung in den Monaten danach. Setzt dafür feste Termine, sonst gewinnt das Tagesgeschäft.
Und stellt den Bezug zum Alltag her. Menschen verbinden ein Zielbild nur dann mit ihrer Arbeit, wenn ihnen jemand zeigt, was es für die tägliche Routine bedeutet. Genau diese Übersetzung leistet der nächste Schritt, das Kaskadieren.
Und rechnet damit, dass die erste Reaktion nicht die endgültige ist. Menschen brauchen Zeit, um eine Veränderung einzuordnen, und die Zustimmung, die nach vier Wochen kommt, trägt länger als die Begeisterung im Saal.
Ein letzter Hinweis, der wenig kostet und viel bringt: Sagt in jeder Runde dazu, was ihr noch nicht wisst. Eine offene Frage ehrlich zu benennen erzeugt mehr Vertrauen als ein geschlossenes Bild, in dem jeder Zuhörer die Lücke selbst entdeckt.
Häufige Fragen zur Strategiekommunikation
Wann sollten wir die Strategie im Unternehmen vorstellen?
Sobald das Zielbild steht und die Handlungsfelder gefüllt sind. Vorher fehlt die Antwort auf die Frage, was das konkret bedeutet, und genau in dieser Lücke entstehen Gerüchte.
Warum kennt nach einem halben Jahr niemand mehr die Strategie?
Weil sie einmal vorgestellt und danach nicht wiederholt wurde. Eine Strategie kommt über Wiederholung in die Organisation, über denselben visuellen Anker in jedem Format und über den Bezug zur täglichen Arbeit.
Sollten alle Mitarbeitenden dieselbe Botschaft hören?
Denselben Inhalt, ja. Dieselbe Auswahl und Tiefe, nein. Was einen Investor überzeugt, interessiert eine Schichtleitung selten. Zwei verschiedene Versionen derselben Strategie zu erzählen, zerstört allerdings Vertrauen.
Wie gehen wir mit Widerstand um?
Ihn erwarten und Raum dafür schaffen. Eine Veranstaltung ohne Fragerunde erzeugt Zustimmung im Raum und Gerüchte auf dem Flur. Der Widerspruch, der offen fällt, lässt sich beantworten.
Brauchen wir eine eigene Plattform für die Strategie?
Eine Stelle, an der Inhalte und Fortschritt sichtbar sind, ja. Sie muss nicht aufwendig sein. Entscheidend ist, dass es genau eine gibt und dass sie gepflegt wird.
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