Wettbewerbsanalyse: In fünf Schritten zu Aussagen, auf die sich eine Entscheidung stützen lässt
Die meisten Wettbewerbsanalysen sind Sammlungen ohne Schluss. Fünf Schritte zu einer Analyse, aus der eine Entscheidung folgt. Und woher die Daten kommen, wenn der Wettbewerb nichts veröffentlicht.
Von Christian Underwood ·

Inhalt (7 Abschnitte)
- Wozu dient eine Wettbewerbsanalyse?
- Welche fünf Schritte führen zu belastbaren Aussagen?
- Woher kommen die Daten, wenn der Wettbewerb nichts veröffentlicht?
- Welche Punkte lassen sich überhaupt sinnvoll vergleichen?
- Was macht ihr mit dem Ergebnis?
- Welcher Fehler macht jede Analyse wertlos?
- Häufige Fragen zur Wettbewerbsanalyse
Wozu dient eine Wettbewerbsanalyse?
Eine Wettbewerbsanalyse dient dazu, eine Entscheidung besser zu treffen. Das klingt banal, ist aber das Unterscheidungsmerkmal: Wenn nach der Analyse dieselbe Entscheidung herauskommt wie vorher, war sie ein Beschäftigungsprogramm.
Deshalb steht die Frage am Anfang, nicht die Datenerhebung. „Sollen wir in dieses Segment gehen“ führt zu einer anderen Analyse als „Können wir unseren Preis um sieben Prozent erhöhen“ oder „Warum verlieren wir Angebote gegen genau diesen einen Anbieter“. Jede dieser Fragen braucht wenige Daten und jede braucht andere.
Die typische Wettbewerbsanalyse im Mittelstand hat dieses Problem nicht erkannt. Sie entsteht als Folienstapel mit einer Seite pro Wettbewerber, ordentlich recherchiert, und wird im Führungsteam durchgeblättert. Danach sagt jemand „interessant“ und die Diskussion geht dort weiter, wo sie vor der Analyse stand. Der Grund ist eine fehlende Frage, nicht schlechte Arbeit.
Welche fünf Schritte führen zu belastbaren Aussagen?
Die Reihenfolge trägt mehr als die Methode. Jeder Schritt reduziert den Stoff, statt ihn zu vergrößern. Das ist der eigentliche Unterschied zu einer Sammlung.
Schritt | Was dabei entsteht |
|---|---|
1 · Entscheidungsfrage | Ein Satz mit Fragezeichen, den die Analyse beantworten soll. Wer ihn nicht formulieren kann, sammelt anschließend alles. |
2 · Kreis ziehen | Drei bis sechs Wettbewerber, gegen die ihr tatsächlich verliert. Nicht alle, die dieselbe Branchenbezeichnung tragen. Dazu, wenn es sie gibt, die Ausweichlösung des Kunden: selbst machen, gar nichts machen. |
3 · Gleiche Punkte erheben | Für jeden dieselben fünf bis acht Punkte: Angebot, Zielkunde, Preislage, Leistungsversprechen, Vertriebsweg, wirtschaftliche Lage. Gleiche Punkte sind wichtiger als viele Punkte, weil nur so verglichen werden kann. |
4 · Aussagen ableiten | Drei bis fünf Sätze, die aus den Daten folgen und die vorher nicht sicher waren. „Zwei der drei Wettbewerber liefern keinen eigenen Service“ ist eine Aussage. „Der Markt ist umkämpft“ ist keine. |
5 · Konsequenz ziehen | Was ihr aufgrund dieser Aussagen anders macht. Und was ihr bewusst gleich lasst. Ohne diesen Schritt endet die Analyse in der Schublade. |
Realistisch sind für eine solche Analyse zwei bis vier Wochen, wenn jemand einen halben Tag pro Woche dafür hat. Was länger dauert, ist fast immer Schritt zwei: Der Kreis wird zu weit gezogen und die Erhebung wächst mit jedem zusätzlichen Namen.
Woher kommen die Daten, wenn der Wettbewerb nichts veröffentlicht?
Im deutschen Mittelstand ist das der Normalfall. Die meisten relevanten Wettbewerber sind GmbHs ohne Pressearbeit, ohne Investorenpräsentation und mit einer Website, die seit Jahren dieselbe ist. Trotzdem liegen die brauchbarsten Daten näher, als es aussieht.
- Die eigenen verlorenen Angebote. Die stärkste Quelle, die es gibt, und die am seltensten ausgewertete. Wer die letzten zwanzig verlorenen Angebote danach sortiert, an wen und mit welcher Begründung, hat ein präziseres Bild als jede Marktstudie.
- Die eigenen Vertriebsleute. Sie hören bei jedem Termin, was der Wettbewerb anbietet und was er versprochen hat. Dieses Wissen ist vorhanden, aber nirgends festgehalten. Es braucht eine halbe Stunde pro Person und eine Struktur.
- Jahresabschlüsse im Bundesanzeiger. Offenlegungspflicht heißt: Umsatzgrößenordnung, Bilanzsumme, Mitarbeiterzahl und oft die Ertragslage sind öffentlich. Zwei Jahre nebeneinander zeigen die Richtung und die ist meist aussagekräftiger als der Absolutwert.
- Stellenanzeigen und Zertifikate. Wer drei Leute für eine neue Technologie sucht, baut etwas auf. Wer eine Zulassung erwirbt, will in einen regulierten Markt. Solche Signale liegen Monate vor dem Produkt.
Was nicht geht, ist ebenso klar: Kein Auftreten unter falschem Namen, keine Scheinanfragen, keine Gespräche mit Mitarbeitern des Wettbewerbers über Interna. Das ist heikel und praktisch nutzlos. Informationen aus solchen Quellen lassen sich in einer Führungsrunde nicht als Grundlage nennen und was sich nicht nennen lässt, trägt keine Entscheidung.
Welche Punkte lassen sich überhaupt sinnvoll vergleichen?
Vergleichbar ist, was bei allen Beteiligten dasselbe bedeutet. Das ist weniger, als es scheint: Umsatz pro Mitarbeiter ist bei unterschiedlicher Fertigungstiefe keine Leistungsaussage und Marktanteile im Mittelstand sind meistens geschätzt und damit ein Gefühl in Prozentform.
Tragfähig sind vier Ebenen. Was der Wettbewerber anbietet und was nicht. Für welchen Kunden er gebaut ist: Daran hängt fast alles andere. In welcher Preislage er sich bewegt, in Spannen und ohne Nachkommastellen. Und wie er verkauft, denn der Vertriebsweg verrät die Kostenstruktur.
Auf einer Ebene darüber hilft die Frage nach den Kräften der Branche: Wie leicht kommt ein neuer Anbieter herein, wie stark sind Kunden und Lieferanten in Preisverhandlungen, welche Ausweichlösung hat der Kunde. Diese Sicht geht auf Michael Porter zurück und ist dort nützlich, wo es weniger um einen einzelnen Wettbewerber geht als um die Frage, ob in dieser Branche überhaupt Geld zu verdienen ist.
Und eine Ebene wird fast immer vergessen: die Ausweichlösung. In vielen mittelständischen Märkten ist der häufigste „Wettbewerber“ kein Anbieter. Es ist die Entscheidung des Kunden, es weiter selbst zu machen oder gar nichts zu tun. Wer nur Anbieter vergleicht, hat den größten Gegner nicht in der Tabelle.
Was macht ihr mit dem Ergebnis?
Drei bis fünf Aussagen und zu jeder eine Folge. Mehr hält kein Führungsteam auseinander und weniger rechtfertigt den Aufwand nicht.
Nützlich ist es, jede Aussage in eine der drei Schubladen zu legen: Sie bestätigt, was wir angenommen haben, dann kostet sie nichts außer Sicherheit. Sie widerspricht einer Annahme, auf der eine laufende Entscheidung beruht, dann ist sie das Wertvollste am ganzen Projekt. Oder sie ist neu und ohne Bezug zur aktuellen Frage, dann gehört sie in die Ablage, nicht in die Diskussion.
Die Aussagen, die widersprechen, sind der eigentliche Ertrag. Sie sind auch die, die in Führungsrunden am schnellsten wegdiskutiert werden, weil sie unbequem sind. Deshalb gehört jede Aussage mit ihrer Quelle auf dieselbe Zeile: Eine Aussage, hinter der „drei von fünf verlorenen Angeboten, Auswertung Juli“ steht, hält länger als eine, hinter der nur ein Eindruck steht.
Welcher Fehler macht jede Analyse wertlos?
Der Versuch, vollständig zu sein. Eine Matrix mit zwanzig Anbietern und dreißig Merkmalen enthält für jede Position eine Begründung und deshalb begründet sie nichts. Sie schafft außerdem eine Scheingenauigkeit, die niemand hinterfragt, weil die Tabelle so gründlich aussieht.
Der zweite Fehler ist der Spiegelvergleich: Verglichen wird in den Merkmalen, in denen ihr selbst stark seid. Das Ergebnis ist erwartbar und es erklärt nicht, warum Kunden trotzdem dort kaufen. Der bessere Zuschnitt ist die Umkehrung: Vergleicht in den Merkmalen, die der Kunde beim Kauf tatsächlich prüft, auch wenn ihr dort schlechter dasteht.
Der dritte ist der Zeitpunkt: Eine Wettbewerbsanalyse, die nach der Entscheidung fertig wird, ist eine Rechtfertigung. Wenn die Entscheidung in sechs Wochen fällt, ist eine schmale Analyse in vier Wochen mehr wert als eine gründliche in vier Monaten.
Häufige Fragen zur Wettbewerbsanalyse
Wie führt man eine Wettbewerbsanalyse durch?
In fünf Schritten: Entscheidungsfrage festlegen, drei bis sechs echte Wettbewerber auswählen, für alle dieselben fünf bis acht Punkte erheben, daraus drei bis fünf Aussagen ableiten und zu jeder Aussage eine Konsequenz festhalten. Mit einem halben Tag pro Woche sind zwei bis vier Wochen realistisch.
Wie viele Wettbewerber gehören in die Analyse?
Drei bis sechs, gegen die ihr tatsächlich Angebote verliert. Dazu die Ausweichlösung des Kunden, also selbst machen oder nichts tun. Alle Anbieter mit derselben Branchenbezeichnung aufzunehmen macht die Analyse groß und die Aussagen beliebig.
Woher bekomme ich Daten über nicht börsennotierte Wettbewerber?
Aus den eigenen verlorenen Angeboten, aus dem Wissen der eigenen Vertriebsleute, aus den offengelegten Jahresabschlüssen im Bundesanzeiger und aus Signalen wie Stellenanzeigen oder Zertifizierungen. Diese vier Quellen ergeben im Mittelstand ein genaueres Bild als jede gekaufte Marktstudie.
Was unterscheidet Wettbewerbsanalyse und Marktanalyse?
Die Wettbewerbsanalyse fragt, wer um denselben Auftrag kämpft und wie. Die Marktanalyse fragt, wie groß das Feld ist und wohin es sich bewegt. Für eine Preis- oder Angebotsentscheidung braucht es die erste, für eine Eintrittsentscheidung beide.
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