Vom Hidden Champion zum Börsenstar
Börsengang von PFISTERER an der Frankfurter Wertpapierbörse – ein Meilenstein der erfolgreichen Transformation und strategischen Neuausrichtung.
Hauptsitz im Schwabenland, technologisch führend – und lange Zeit doch nur Menschen bekannt, die beruflich mit Elektrotechnik und Energieversorgung zu tun haben. Der 14. Mai 2025 war der Tag, an dem sich das gründlich geändert hat: »Börsengang von PFISTERER geglückt«, vermeldete die Tagesschau, das Handelsblatt titelte über das »starke Börsendebüt« des Technologieunternehmens. PFISTERER, spezialisiert auf Technik zum Verbinden und Isolieren elektrischer Leiter an Schnittstellen in Stromnetzen, hatte den IPO des Jahres gelandet. Der erste Börsengang eines deutschen Unternehmens im unruhigen Jahr 2025 überhaupt, interpretiert als mutmachendes Signal an den gesamten europäischen IPO-Markt. Schon die Erstnotiz der Aktie im Scale-Segment an der Frankfurter Börse lag deutlich über dem Ausgabepreis – und ihre Entwicklung hat seitdem alle Erwartungen übertroffen. Kein Zufall, sondern das Ergebnis konsequenter strategischer Arbeit, die der Kapitalmarkt honoriert hat. PFISTERER, seit dem Börsengang mit 95 Millionen Euro zusätzlichem Kapital ausgestattet, ist somit optimal aufgestellt für die Zukunft.
Pole-Position für die Transformation der Energieversorgung
Dass es genau so kam, war noch vor wenigen Jahren keineswegs ausgemacht. Zukäufe, um das Produktportfolio horizontal zu ergänzen, hatten sich nicht ausgezahlt. Komplexe IT-Projekte und Produktionsverlagerungen, einst von hohen Erwartungen begleitet, hatten die Kosten hochgetrieben und die Belegschaft verunsichert. Nach bewältigter Restrukturierung war 2022 klar: Es brauchte neue finanzielle Mittel, um mehr Spielraum für Investitionen zu gewinnen. Zentrale Technologie-Kunden hatten deutlich gemacht, dass sie selbst ambitioniert wachsen wollen – und dafür ebenfalls stark aufgestellte Partner brauchen. »Der Wunsch war eindeutig, dass wir den Weg als Key Supplier mitgehen«, so Dr. Konstantin Kurfiss, Vorstand Sales und Technology. Die beste Lösung für das Unternehmen, um sich finanziell entsprechend aufzustellen: ein Börsengang, der Zugang zu Wachstumskapital eröffnet, ohne die unternehmerische Eigenständigkeit aufzugeben. PFISTERER soll unabhängig bleiben. Diesen Auftrag hat Karl-Heinz Pfisterer von seinem Vater übernommen. Nach wie vor zählt die Eigenständigkeit zum Kern der Unternehmensidentität.
Vor allem aber war eine stringente, neue Strategie gefragt, die Führungsmannschaft wie Mitarbeiter wieder hinter einem gemeinsamen Ziel versammelt und begeistert. International zwar bestens vernetzt und erfolgreich in zahlreichen Energieversorgungsmärkten, stand PFISTERER vor ungenutzten Wachstumschancen. Der weltweite Hunger nach Strom, die Energiewende und das wachsende Bewusstsein dafür, wie wesentlich stabile Netze und Versorgungssicherheit für die Transformation sind, brachten das Unternehmen eigentlich in eine Pole-Position. Doch wo den Fokus setzen, an welchen Hebeln konkret arbeiten, um wirklich nachhaltig und profitabel wachsen zu können?
Vertrauen in die eigene Kraft entwickeln
»Uns war wichtig, das Steuer selbst in der Hand zu halten, statt die Weichenstellungen von externen Beratern vorgeben zu lassen«, erklärt Patrick Weng, Head of Strategy bei PFISTERER. »Erst recht, weil die Mannschaft wieder mehr Vertrauen in die eigene Kraft aufbauen sollte.« Nachdem er selbst die StrategyFrame-Academy durchlaufen hatte, startete Weng einen Testballon: einen Strategieprozess für das Medium-Voltage-Segment von PFISTERER, das eine Schlüsselrolle an der Schnittstelle zwischen Stromverteilung, Schaltanlagen und dezentraler Energieinfrastruktur einnimmt. Produkt- und Vertriebsmannschaft bündelten ihr Know-how, als zentrale Ziele definierten sie etwa, mittels erweitertem Produktportfolio und Expansion in weitere Weltregionen neue Geschäftsfelder zu erschließen. »Für uns war es genau das richtige Vorgehen, vor dem großen Ganzen erst einmal einen Piloten in Angriff zu nehmen«, so Weng. Hatte er es in früheren Strategieprozessen oft als schwierig empfunden, weit über den Erdball verteilte Kollegen in einen zentralen Prozess zu integrieren, fiel es diesmal vergleichsweise leicht: »Der StrategyFrame schafft Sicherheit, weil der Rahmen einfach gesetzt ist – das hat es uns ermöglicht, schnell voranzukommen.«
Strom quer über den Kontinent transportieren
Während im Unternehmen parallel die Vorbereitungen zum Börsengang voranschritten, zündete ab Frühjahr 2024 die zweite Stufe der strategischen Arbeit. Die zentrale Herausforderung: einen neuen, gemeinsamen Spirit in der gesamten Führungsmannschaft zu verankern, der auf der festen Überzeugung basiert, dass es gelingt, die Wachstumschancen im Markt konsequent zu nutzen. Dafür erarbeitete das Management-Team zunächst eine fundierte Situationsanalyse, ergänzt um eine externe Marktstudie und zusätzliche Markt- und Wettbewerbsanalysen.
Individuelle Zielbilder – aber noch kein integriertes Gesamtbild
Schnell stellte sich heraus, dass die einzelnen Fach- und Geschäftsbereiche durchaus klare Vorstellungen davon hatten, wo in ihren jeweiligen Feldern besondere Chancen auf Wachstum bestehen und wie daraus abgeleitet individuelle Zielbilder aussehen könnten. Jede Region, so weit der Konsens, muss sich klar an den lokalen Anforderungen der jeweiligen Märkte orientieren. Gerade im stark politisch und regulatorisch geprägten Energiesektor ist das unverzichtbar: Vorgaben, die etwa in den USA gelten, können sich massiv von denen im Mittleren Osten unterscheiden. Was jedoch fehlte, war ein integriertes Bild für das Unternehmen als Ganzes. Die volle Wettbewerbswirkung der einzelnen Fähigkeiten von PFISTERER würde sich aber nur entfalten können, wenn sie nicht isoliert betrachtet, sondern konsequent aufeinander abgestimmt und als zusammenhängendes System gedacht werden.
Umfassendes Verständnis für Kunden-Anwendungen
Denn das Unternehmen verfügt über eine einzigartige Kombination von Stärken: Als weltweit agierender, unabhängiger Anbieter deckt PFISTERER Anwendungen für den Einsatz unter der Erde wie Erdkabelsysteme ebenso ab wie Freileitungen in der Luft. Verbinden und Isolieren sind entscheidende Kernkompetenzen, dazu kommen tief verankertes Know-how bei der Verarbeitung von Materialien wie Metall und Silikon sowie die Bereitstellung von speziellen Testkapazitäten. Die Beziehungen zu Kunden wie großen OEMs oder Netzbetreibern zeichnen sich durch eine über Jahrzehnte gewachsene Nähe aus, verbunden mit einem umfassenden Verständnis für deren Anwendungen. Erst das gezielte Zusammenwirken dieser spezifischen Fähigkeiten macht die strategische Kraft des Unternehmens aus. Wegweisend sind zum Beispiel neue Produkte wie das steckbare Anschlusssystem für sogenannte Clean-Air-Schaltanlagen, die PFISTERER für Siemens Energy entwickelt hat. Statt auf herkömmliche Isolier-Medien setzt Clean Air auf natürliche Bestandteile der Umgebungsluft und leistet damit einen großen Beitrag zur klimaschonenden Stromübertragung und -verteilung.
»Die Strategie hat uns im IPO-Prozess maßgeblich unterstützt«
Was das Unternehmen konkret in seinen Handlungsfeldern anpackt, um solche Erfolge noch stärker ausbauen zu können und das Zielbild zu erreichen, erarbeitete ein breit aufgestelltes, funktionsübergreifendes Team. Zunächst bewusst ohne definierte OKRs, um die Organisation »nicht mitten in den Vorbereitungen auf den Börsengang zu überfordern«, so Weng. Dass diese Entscheidung zusätzliche Schleifen nach sich zog, war allen Beteiligten bewusst. Inzwischen sind die je Handlungsfeld definierten Ziele mit klaren Kenngrößen hinterlegt, die Projekte befinden sich in Umsetzung und die Verantwortlichen berichten regelmäßig an den Vorstand. »Die saubere und stringente Vorbereitung der Strategie hat uns im gesamten IPO-Prozess maßgeblich unterstützt, insbesondere bei der Formulierung der Equity-Story«, so Vorstandssprecher Johannes Linden. »Das hat enorm dazu beigetragen, dass sowohl die Lead-Banken als auch die Investoren an den Erfolg des Projektes geglaubt haben.«
Gezielte Investitionen in Entwicklungs- und Prüfinfrastruktur
Die inzwischen am Kapitalmarkt eingeworbenen Mittel investiert PFISTERER entlang aller strategischen Stoßrichtungen – in die Stärkung der Kernmärkte, den Ausbau angrenzender Geschäftsfelder sowie gezielt in innovative Technologien für die globale Energietransformation. Dazu zählt die konsequente Stärkung der technologischen Kernkompetenzen ebenso wie der gezielte Ausbau der regionalen Nähe zu Kunden und Anwendungen, etwa durch eine stärkere Präsenz in wachstumsstarken Regionen wie dem Mittleren Osten. Parallel dazu fokussiert das Unternehmen sich auf technologische Entwicklungen, die die Elektrifizierung der Energieinfrastruktur langfristig prägen.
Positionierung als komplementärer Technologiepartner
Gerade bei Kabelgarnituren und Verbindungslösungen nimmt PFISTERER eine besondere Rolle ein: Führende Kabelhersteller greifen auf seine Lösungen zurück, um sich auf ihre Kernkompetenz in der Kabelproduktion konzentrieren zu können. Das stärkt die Position des Unternehmens als komplementärer Technologiepartner entlang zentraler Schnittstellen moderner Energieübertragungssysteme. Um die Chancen dieser Rolle künftig noch besser nutzen zu können, baut PFISTERER die eigene Entwicklungs- und Prüfinfrastruktur aus. Am Hauptsitz in Winterbach bei Stuttgart entsteht ein Prüflabor für Hochspannungs- und Gleichstromtechnik, in das insgesamt 20 Millionen Euro an Investitionen fließen. »Solche Labore sind ein weltweit seltenes Gut«, erklärt Patrick Weng. »Indem wir selbst Kapazitäten aufbauen, machen wir uns also unabhängig von anderen – und schaffen die Infrastruktur, die wir für die Umsetzung der Strategie brauchen.«
Unter der Erde, in der Luft – und jetzt auch unter Wasser
Die einzigartige PFISTERER-Positionierung stärken und gezielt so investieren, dass sie weiter geschärft wird: Daran orientiert sich das Unternehmen auch bei Akquisitionen. Beispiel Power CSL, ein unabhängiger britischer Spezialist, der Verbindungs- und Reparaturlösungen für Unterwasser- und Seekabel anbietet. Exakt die Art von Produkten, mit denen PFISTERER seine Kompetenzen für Anwendungen unter der Erde und in der Luft optimal ergänzen kann. Aus der langjährigen Kooperation mit den Briten wurde deshalb im vergangenen Jahr eine Akquisition: Im April 2025 hat PFISTERER Power CSL vollständig übernommen. Mit gebündelten Kräften kam nahezu zeitgleich eine Weltneuheit auf den Markt, entwickelt für den Übertragungsnetz-Betreiber TenneT: eine One-size-fits-all-Lösung, mit der sich unterschiedlichste Hochspannungs-Drehstrom-Seekabeltypen nach dem Steckprinzip miteinander verbinden lassen, unabhängig vom Aufbau oder Hersteller. So wird es möglich, defekte Seekabel noch effizienter zu reparieren und den Ersatzteilbestand auf ein Minimum zu reduzieren. Mit der Power-CSL-Übernahme hat PFISTERER die Weichen dafür gestellt, die Wachstumschancen in diesem Markt noch besser zu nutzen.
Jede Führungskraft kennt das Big Picture
Bestens gefüllte Auftragsbücher und stark steigende Umsätze: Schon jetzt zeichnet sich ab, dass der neue strategische Fokus von PFISTERER sich auszahlt. Patrick Weng sieht in der engen Verzahnung von Strategieentwicklung und -umsetzung den Grund dafür, dass das binnen kurzer Zeit gelungen ist. »Wir haben insbesondere auf die Kommunikation und auf die aktive Teilnahme aller Mitarbeiter viel Wert gelegt.« Zwei Aktivierungswellen durchs gesamte Unternehmen liegen inzwischen hinter PFISTERER, »mittlerweile gibt es wirklich keine Führungskraft mehr in der Mannschaft, die nicht mindestens einmal involviert war und unser Big Picture kennt«. Dass die neue Strategie aus dem Team selbst heraus entstanden ist, nur bei Bedarf unterstützt von Coachings und externer Moderation, habe sich bewährt. »Natürlich adjustieren wir immer weiter, die Transformation im Energiemarkt hängt ja an zahlreichen Stellschrauben«, so Patrick Weng. »Aber wir haben jetzt das nötige Rüstzeug dafür – und das Commitment aller Stakeholder, diesen Weg weiterzugehen.«
Über den Autor der Fallstudie
Patrick Weng ist Head of Strategy bei PFISTERER und gestaltet sowie steuert die strategische Ausrichtung des Unternehmens. Sein Fokus liegt auf der Entwicklung und Umsetzung von Wachstums- und Wettbewerbsstrategien sowie auf M&A-Prozessen. Im Rahmen des Börsengangs von PFISTERER verantwortete er die interne Gesamtprojektleitung. Er verfügt über mehr als 18 Jahre Berufserfahrung in den Bereichen Beratung, Banking und mittelständische Industrie.
Bilder:
- Martin Joppen/Deutsche Börse S.50/52
- www.landscape.pfisterer.com





